Dijon-Prenois: Kurze Runde, große Geschichte – das Duell von 1979
Es gibt Rennstrecken, die über Jahrzehnte Grand Prix ausrichten und trotzdem kaum Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen. Und es gibt Dijon-Prenois: eine kurze, wellige Bahn auf einem Hochplateau im Burgund, die nur eine Handvoll Formel-1-Rennen sah – und dabei den ersten Turbosieg der Geschichte sowie das wohl berühmteste Zweikampf-Finale erlebte, das der Sport je hervorgebracht hat. Am 1. Juli 1979 gewann Jean-Pierre Jabouille dort im Renault den Großen Preis von Frankreich, während hinter ihm Gilles Villeneuve und René Arnoux Rad an Rad um Platz zwei kämpften, sich mehrfach berührten und einander über die Randsteine drängten. Wer verstehen will, warum diese Szenen bis heute nachwirken, muss sich die Strecke selbst ansehen.
Ein Kurs im Hügelland von Burgund
Dijon-Prenois liegt beim Dorf Prenois, wenige Kilometer nordwestlich von Dijon, der alten Hauptstadt Burgunds im Osten Frankreichs. Eröffnet wurde die Strecke 1972, und ihre Planer trafen eine Entscheidung, die den Charakter des Kurses bis heute prägt: Statt das Gelände einzuebnen, ließen sie den Asphalt der natürlichen Topografie des Plateaus folgen. Die Runde steigt, fällt und neigt sich mit der Landschaft, Kuppen machen die Autos mitten in schnellen Kurven leicht, Senken pressen sie in den Boden. Ringsum liegen Felder und Wälder, und von den Naturtribünen aus überblickt man weite Teile der Strecke – ein Panorama, das es auf modernen Anlagen kaum noch gibt. Die Nähe zu Dijon und zu den Weinbergen der Côte d'Or macht die Gegend zudem zu einem lohnenden Reiseziel weit über den Motorsport hinaus.
Kaum vier Kilometer, fast alles Vollgas
Das Besondere an Dijon-Prenois ist die Verbindung aus Kürze und Tempo. Die ursprüngliche Streckenführung maß nur rund 3,3 Kilometer; selbst nach der Erweiterung Mitte der 1970er-Jahre blieb die Runde mit etwa 3,8 Kilometern deutlich kürzer als die meisten Grand-Prix-Kurse. Langsame Passagen gibt es fast keine. Nach Start und Ziel wartet die doppelte Rechtskurve von Villeroy, dann stürzt die Bahn bergab durch schnelle Bögen, klettert durch den als Parabolique bekannten Erweiterungsabschnitt wieder hinauf und mündet in die lange, teils nicht einsehbare Linkskurve von Pouas, die die Autos auf die Start-Ziel-Gerade katapultiert. Für die Fahrer bedeutet das: kaum Verschnaufpausen, ständige Höhenwechsel, blindes Einlenken über Kuppen. Für die Ingenieure: ein Kurs, der Motorleistung und aerodynamisches Vertrauen gleichermaßen belohnt. Und für das Rennen selbst: extrem kurze Rundenzeiten und permanenter Überrundungsverkehr.
Die Formel 1 kommt – und die Runde wird verlängert
Ihren ersten Großen Preis von Frankreich richtete die Strecke 1974 aus; Ronnie Peterson gewann im Lotus. Dasselbe Wochenende offenbarte allerdings das Grundproblem des Originallayouts: Die Runde war so kurz, dass das Feld sich ständig selbst im Weg stand – im Training wie im Rennen herrschte Dauergedränge. Die Antwort war die Parabolique-Schleife, eine Mitte der 1970er-Jahre gebaute Erweiterung, die der Strecke einen zusätzlichen Anstieg samt Abfahrt bescherte und sie auf ungefähr 3,8 Kilometer streckte. Beim nächsten Grand Prix 1977 siegte Mario Andretti im Lotus nach einem dramatischen Finale gegen John Watson. In den folgenden Jahren wechselte sich Dijon mit Paul Ricard als Austragungsort des französischen Grand Prix ab – das wellige Plateau im Norden gegen den flachen Kurs in der Provence.
Der Große Preis von Frankreich 1979
Renaults Turboprojekt war bis zum Sommer 1979 vor allem Zielscheibe von Spott gewesen. Die frühen Autos fielen so häufig mit dampfendem Heck aus, dass Konkurrenten sie abschätzig als gelbe Teekannen bezeichneten. In Dijon drehte sich das Blatt. Der aufgeladene Motor profitierte von der Höhenlage des Plateaus und den langen Vollgaspassagen, und Renault stellte beide Autos in die erste Startreihe: Jabouille auf der Pole-Position, Arnoux daneben. Am Start übernahm allerdings Gilles Villeneuve im Ferrari 312T4 die Führung und verteidigte sie über die erste Rennhälfte mit aller Härte. Doch der Renault war an diesem Tag schlicht schneller: Jabouille ging vorbei, fuhr davon und gewann – der erste Grand-Prix-Sieg eines Turbomotors, errungen von einem Franzosen in einem französischen Auto beim Heimrennen. Es war ein Wendepunkt: Binnen weniger Jahre kam kein Spitzenteam mehr am Turbo vorbei.
Villeneuve gegen Arnoux: die letzten Runden
So historisch Jabouilles Sieg war – erinnert wird das Rennen für das, was dahinter geschah. In den Schlussrunden holte Arnoux im zweiten Renault den Ferrari von Villeneuve ein, dessen Reifen nach der frühen Aufholjagd stark abgebaut hatten. Was folgte, sprengte alle damaligen Maßstäbe: Arnoux ging vorbei, Villeneuve konterte sofort. Die beiden fuhren Seite an Seite durch Kurven, die dafür eigentlich zu schmal waren, berührten sich mehrfach mit den Rädern, verbremsten sich, rutschten über Randsteine und benutzten jeden Zentimeter Asphalt und noch etwas mehr. Zweimal krachten die Räder so heftig aneinander, dass beide Autos hätten abfliegen können. Keiner der beiden ging vom Gas. In der letzten Runde setzte Villeneuve die entscheidende Attacke und rettete Platz zwei mit hauchdünnem Vorsprung ins Ziel. Das Bemerkenswerteste: Nach dem Rennen lagen sich die Kontrahenten grinsend in den Armen. Beide beschrieben den Kampf später als hart, aber fair – und blieben Freunde.
Warum dieses Duell unvergessen bleibt
Das Duell von Dijon wurde zum Maßstab, weil es kompromisslose Aggressivität mit gegenseitigem Vertrauen verband. Es gab keine Stallorder, keine Strafen, keine gegenseitigen Vorwürfe – nur zwei Ausnahmekönner, die auf einer Strecke voller Kuppen und Bodenwellen keinen Millimeter nachgaben. Manche Teamchefs waren damals entsetzt über das Radschlagen bei diesen Geschwindigkeiten, doch die Fernsehbilder gingen um die Welt und werden bis heute gezeigt. Für Villeneuve zementierte der Kampf den Ruf der Furchtlosigkeit, der ihn zum Liebling der Ferrari-Anhänger machte; für Arnoux war er der Beweis, ganz vorn hinzugehören. Wann immer in der modernen Formel 1 über harte, aber faire Zweikämpfe diskutiert wird, dient Dijon 1979 als Referenz – als Beispiel dafür, wie weit man gehen kann, wenn beide Fahrer einander blind vertrauen.
Dijon nach 1979: Prost, Rosberg, Lauda
Die Strecke blieb bis Mitte der 1980er-Jahre im Grand-Prix-Kalender und lieferte weiter denkwürdige Ergebnisse. 1981 feierte der junge Alain Prost in Dijon seinen ersten Formel-1-Sieg – für Renault, in einem von Regen unterbrochenen Rennen, dessen Ergebnis aus zwei Teilen addiert wurde. 1982 war die Strecke Schauplatz des Großen Preises der Schweiz, der wegen des Rundstreckenverbots in der Schweiz in Frankreich ausgetragen wurde; Keke Rosberg holte dort seinen einzigen Saisonsieg auf dem Weg zum Weltmeistertitel. Das letzte Formel-1-Rennen in Dijon gewann 1984 Niki Lauda im McLaren während seiner dritten Titelsaison. Danach zog der französische Grand Prix weiter – doch die Siegerliste des kleinen Kurses liest sich wie ein Auszug aus der Ruhmeshalle des Sports.
Die Strecke heute
Anders als viele ehemalige Grand-Prix-Kurse ist Dijon-Prenois nie verstummt. Die Anlage wird bis heute regelmäßig genutzt, und das Layout entspricht im Kern noch immer der Grand-Prix-Konfiguration – ein rollendes Museum des Streckenbaus der 1970er-Jahre: schnell, nach modernen Maßstäben schmal und herrlich dreidimensional. Heute finden dort Läufe nationaler französischer Meisterschaften, Clubrennen und Trackdays für Autos wie Motorräder statt. Vor allem aber hat sich Dijon als Bühne des historischen Motorsports etabliert: Bei Retro-Festivals kehren Rennwagen aus der Ära Villeneuves an genau jene Kurven zurück, die sie berühmt gemacht haben. Für Besucher liegt der Reiz in der Unmittelbarkeit – von den Hängen oberhalb der Pouas-Kurve verfolgt man schnelle Autos noch so, wie es sich Zuschauer in den 1970er-Jahren gewohnt waren.
Auf der Karte
Dijon-Prenois ist eines von Hunderten Rennstrecken, Ovalen und Motorsport-Zielen auf unserer interaktiven Karte. Zoomen Sie ins Burgund, um zu sehen, wo genau das Plateau von Prenois im Verhältnis zur Stadt Dijon liegt, und vergleichen Sie die Strecke anschließend mit Paul Ricard, Magny-Cours und den übrigen Grand-Prix-Schauplätzen Frankreichs. Jeder Marker führt zu Detailinformationen – ideal, um aus ein paar Minuten Stöbern die Route für den nächsten Motorsport-Roadtrip zu machen.