Mobility Resort Motegi: Hondas Doppelanlage aus Oval und Rundkurs
Wer mit dem Auto von Tokio aus gut zwei Stunden nach Norden in die bewaldeten Hügel der Präfektur Tochigi fährt, stößt dort auf eine der ungewöhnlichsten Rennanlagen der Welt. Das Mobility Resort Motegi, bis 2022 unter dem Namen Twin Ring Motegi bekannt, wurde 1997 von Honda eröffnet und vereint zwei vollwertige Rennstrecken auf einem einzigen Gelände: ein Superspeedway-Oval von etwa 2,4 Kilometern Länge und einen rund 4,8 Kilometer langen Rundkurs mit vierzehn Kurven. Die beiden Strecken kreuzen sich sogar, der Rundkurs taucht in Tunneln unter dem Oval hindurch. Seit 2004 ist Motegi die feste Heimat des Großen Preises von Japan in der MotoGP – und zugleich ein Denkmal für Hondas amerikanischen Traum.
Ein Kind der neunziger Jahre
Die Entstehungsgeschichte von Motegi ist untrennbar mit Hondas Engagement im amerikanischen Formelsport verbunden. Mitte der neunziger Jahre lieferte der Konzern Motoren für die CART-Serie und wollte das Spektakel der Ovalrennen dem japanischen Publikum nicht nur im Fernsehen, sondern live vor der Haustür präsentieren. Also entschied man sich für einen Schritt, den kein anderer Hersteller je gewagt hat: den Bau eines echten Superspeedways nach amerikanischem Vorbild mitten in Japan. Das Gelände in den Hügeln bei Motegi musste dafür aufwendig terrassiert werden, ganze Hänge wurden abgetragen und modelliert. Als die Anlage 1997 ihre Tore öffnete, besaß Japan zum ersten Mal ein Oval dieser Größenordnung – und Honda ein Aushängeschild, das die beiden Welten seiner Rennsportgeschichte, Amerika und Grand-Prix-Sport, an einem Ort zusammenführte. Der ursprüngliche Name Twin Ring, also Doppelring, beschrieb das Konzept völlig unprätentiös.
Das Oval: Amerikanischer Traum in Tochigi
Das Herzstück der ursprünglichen Vision war das eiförmige Oval mit seinen unterschiedlich engen Kurvenradien an beiden Enden und vergleichsweise flacher Überhöhung. Ab 1998 gastierte die CART-Serie in Motegi, später übernahm die IndyCar Series das jährliche Rennen. Der denkwürdigste Moment gelang dabei einer Frau: Im April 2008 gewann Danica Patrick das Indy Japan 300 und wurde damit zur ersten Siegerin eines IndyCar-Rennens überhaupt – ein Stück Motorsportgeschichte, geschrieben auf Hondas Hausstrecke. Das Ende der Ovalära kam abrupt. Das schwere Tōhoku-Erdbeben im März 2011 beschädigte die Region und die Anlage, sodass das letzte IndyCar-Rennen in Japan im Herbst desselben Jahres auf den Rundkurs verlegt wurde. Danach zog sich die Serie aus Japan zurück. Das Oval existiert bis heute, wird gelegentlich für Tests und Rahmenveranstaltungen genutzt, ist aber im Wesentlichen ein gewaltiges, stilles Betonamphitheater geworden.
Der Rundkurs: Stop-and-go als Prinzip
Der Grand-Prix-Kurs von Motegi gilt als klassische Stop-and-go-Strecke, und dieser Ruf ist verdient. Weil das Layout um das Oval herum und in die Hänge hinein gebaut werden musste, besteht es überwiegend aus Geraden, die durch langsame und mittelschnelle Kurven verbunden sind. Lange, fließende Bögen wie in Suzuka sucht man vergeblich; stattdessen dominieren harte Bremszonen und Beschleunigungsphasen. Berühmt-berüchtigt ist die abschüssige Gegengerade, an deren Ende die Fahrer in eine enge Rechtskurve anbremsen müssen – eine der härtesten Bremszonen des gesamten MotoGP-Kalenders, in der die Maschinen binnen weniger hundert Meter enorm viel Geschwindigkeit abbauen. Wer in Motegi schnell sein will, braucht ein Motorrad, das stabil bremst und kräftig aus langsamen Ecken herausbeschleunigt. Genau deshalb galt die Strecke über Jahre als Prüfstand für Motorleistung und Bremsentechnik – und als Bühne für Überholmanöver, die fast immer auf der Bremse entschieden werden.
Vom Pazifik-GP zum Großen Preis von Japan
In den Grand-Prix-Kalender kam Motegi 1999, zunächst unter dem Titel Großer Preis des Pazifiks, denn der Große Preis von Japan gehörte damals noch Suzuka. Die Wende brachte eine Tragödie: Nach dem tödlichen Unfall von Daijiro Kato beim Rennen in Suzuka 2003 kehrte die Königsklasse dorthin nie zurück, und ab 2004 trug Motegi dauerhaft den Titel des Japan-GP. Seither ist das Rennen ein Fixpunkt im Herbst, nur unterbrochen durch die pandemiebedingten Absagen 2020 und 2021, ehe die MotoGP 2022 zurückkehrte. Für Honda ist das Wochenende ein Heimspiel im wörtlichsten Sinn – der Konzern ist Eigentümer der Strecke, und Ingenieure, Vorstände und Werksmitarbeiter verfolgen das Geschehen von den Tribünen. Doch auch Yamaha und die übrigen japanischen Hersteller betrachten Motegi als Heimrennen, was dem Grand Prix eine besondere, fast familiäre Atmosphäre verleiht, getragen von einem außergewöhnlich fachkundigen und höflichen Publikum.
Titelentscheidungen und große Momente
Da der Japan-GP traditionell in der Schlussphase der Saison liegt, wurden in Motegi wiederholt Weltmeisterschaften entschieden. Marc Márquez sicherte sich hier mehrfach den Titel in der Königsklasse – besonders dramatisch 2016, als Valentino Rossi und Jorge Lorenzo beide stürzten und dem Spanier die Krone quasi im Rennen zufiel, und erneut 2018, als Andrea Dovizioso im Duell um den Sieg in den letzten Runden ins Kiesbett rutschte. Auch japanische Fahrer haben auf der Strecke emotionale Heimsiege gefeiert, die die Tribünen in ein Fahnenmeer verwandelten. Typisch für Motegi ist, dass Rennen selten in schnellen Kurvenpassagen entschieden werden, sondern in den Bremsduellen vor den engen Ecken – ein Stil, der über die Jahre für viele harte, aber faire Zweikämpfe gesorgt hat.
Mehr als eine Rennstrecke
Im Jahr 2022 benannte Honda die Anlage in Mobility Resort Motegi um und trug damit der Tatsache Rechnung, dass aus dem reinen Rennsportgelände längst ein weitläufiges Freizeitareal geworden war. Neben den beiden Strecken beherbergt das Gelände die Honda Collection Hall, ein Museum mit historischen Rennmotorrädern, Formel-1-Wagen und Serienfahrzeugen aus der Konzerngeschichte. Dazu kommen Kartbahnen, Offroad-Angebote, Abenteuerbereiche im Wald, Campingplätze und ein Hotel direkt am Gelände. Familien können hier problemlos ein ganzes Wochenende verbringen, ohne dass überhaupt ein Rennen stattfindet. Dieses Konzept – Mobilität erlebbar machen, vom Kinderkart bis zum Grand-Prix-Motorrad – ist zutiefst typisch für Honda und erklärt, warum sich Motegi eher wie ein Erlebnispark mit angeschlossener Weltmeisterschaftsstrecke anfühlt als wie ein klassischer Rennkurs.
Der nationale Rennkalender
Auch abseits der MotoGP herrscht in Motegi Betrieb. Der Rundkurs ist fester Bestandteil der Super GT, Japans populärer Sportwagenserie, sowie der Super Formula, der höchsten Monoposto-Klasse des Landes – beide leben vom Dauerduell zwischen Honda- und Toyota-Motoren, das in Motegi naturgemäß besondere Brisanz hat. Nationale Motorradmeisterschaften, Langstreckenrennen und Clubsportveranstaltungen füllen den restlichen Kalender, während Kartstrecken und Geländeareale den Nachwuchs an den Sport heranführen. So ist aus dem Prestigeprojekt eines einzelnen Herstellers über die Jahrzehnte ein Stück Grundversorgung für den gesamten japanischen Motorsport geworden, von der ersten Kartrunde eines Kindes bis zum Werksprototyp.
Ein Besuch in Motegi
Wer den Großen Preis von Japan live erleben will, sollte sich auf eine kleine Expedition einstellen, denn die Anlage liegt bewusst ländlich, umgeben von Wäldern und Reisfeldern, fernab der großen Ballungsräume. Genau diese Abgeschiedenheit macht den Reiz des Rennwochenendes aus: Viele Fans campen rund um die Strecke, und die Stimmung erinnert eher an ein Festival als an einen gewöhnlichen Grand Prix. Der Herbsttermin beschert dem Wochenende meist mildes Wetter, gelegentlich aber auch den für die Jahreszeit typischen Regen, der schon manches Rennen durcheinandergewirbelt hat. Abseits der Action lohnt unbedingt ein Besuch der Honda Collection Hall, in der sich Weltmeistermaschinen aus mehreren Jahrzehnten aus nächster Nähe bestaunen lassen. Und wer nach dem Rennen noch Zeit hat, kombiniert den Ausflug mit den Sehenswürdigkeiten der Region Tochigi – die Gegend um Nikkō mit ihren berühmten Schreinen liegt in erreichbarer Nähe und macht aus dem Rennbesuch eine vollwertige Japanreise.
Auf der Karte
Auf unserer interaktiven Karte lässt sich wunderbar nachvollziehen, wie sich der Grand-Prix-Kurs von Motegi unter dem stillgelegten Oval hindurchschlängelt – ein Anblick, den es weltweit kein zweites Mal gibt. Von dort aus lohnt der Blick auf Japans übrige Streckenlandschaft, von Suzuka bis zum Fuji Speedway, oder der Sprung über den Pazifik zu den amerikanischen Superspeedways, die Honda einst zu diesem Projekt inspirierten. Karte öffnen, Motegi suchen und selbst auf Entdeckungsreise gehen.