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Mugello im Porträt: Ferraris fließende Traumstrecke in der Toskana

Wer von Florenz aus eine gute halbe Stunde nach Nordosten fährt, landet in einem grünen Talkessel des Apennins, in dem sich eine der schönsten Rennstrecken der Welt in die Landschaft schmiegt. Das Autodromo Internazionale del Mugello gehört Ferrari, folgt in seinem Verlauf den natürlichen Hügeln statt sie zu planieren und besitzt eine Start-Ziel-Gerade, auf der MotoGP-Maschinen deutlich mehr als 350 km/h erreichen, bevor sie bergab in die erste Bremszone stürzen. Kaum ein anderer Kurs verbindet Topografie, Geschichte und Geschwindigkeit so selbstverständlich.

Eine Landschaft mit Benzin im Blut

Der Motorsport kam nicht erst mit dem Autodromo ins Mugello-Tal. Schon in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden hier Straßenrennen auf einem gewaltigen Rundkurs über öffentliche Landstraßen ausgetragen, vorbei an Apennin-Dörfern, über Pässe und durch Ortsdurchfahrten. Diese Rennen, mit Unterbrechungen bis in die frühen siebziger Jahre gefahren, machten den Namen Mugello in Italien zu einem Begriff, lange bevor es eine permanente Strecke gab. Als Rennen auf offenen Bergstraßen endgültig nicht mehr zu verantworten waren, entschied sich die Region nicht für den Abschied vom Motorsport, sondern für einen Neuanfang: 1974 wurde bei Scarperia das heutige Autodromo eröffnet, das den Charakter der alten Straßenkurse bewusst aufnahm – mit Höhenunterschieden, blinden Kuppen und einem Rhythmus, der eher an eine Bergstraße als an ein Reißbrett erinnert. Dass die neue Anlage ausgerechnet in dieser Talsenke entstand, war kein Zufall: Die Hänge boten natürliche Zuschauerplätze, das Gelände gab die Streckenführung praktisch vor, und die Nähe zu Florenz versprach ein Publikum, das den Motorsport seit Generationen im Herzen trug.

Ferrari übernimmt das Ruder

Im Jahr 1988 kaufte Ferrari die Anlage, und mit dem Einstieg aus Maranello begann eine neue Ära. Die Scuderia investierte über Jahrzehnte in Boxenanlage, Fahrerlager, Sicherheitszonen und den berühmt glatten Asphalt und machte aus dem regionalen Schmuckstück eine der bestgepflegten Rennstrecken Europas. Lange Zeit diente Mugello Ferrari als bevorzugte Teststrecke für das Formel-1-Programm; bis heute finden hier Kundensportveranstaltungen, die Ferrari Challenge und unzählige Entwicklungstage statt. Für die Tifosi ist der Anblick eines roten Rennwagens vor der Kulisse der Apenninkämme kein Sonderereignis, sondern Alltag – die Strecke ist so etwas wie die toskanische Dependance des Cavallino Rampante. Zugleich blieb Mugello unter Ferrari immer mehr als ein Firmengelände: Die Anlage steht Serien und Fahrern aller Art offen, vom historischen Festival bis zum Trackday, und gilt gerade wegen dieser Mischung aus Werksnähe und offener Nutzung als Vorbild dafür, wie ein Hersteller eine Rennstrecke führen kann.

Streckenführung: fünfzehn Kurven wie aus einem Guss

Auf 5,245 Kilometern reihen sich fünfzehn Kurven aneinander, neun Rechts- und sechs Linkskurven, und doch wirkt keine davon isoliert. Nach der über einen Kilometer langen Geraden fällt die Strecke in die San Donato ab, eine Bremszone, die durch die Kuppe kurz vor dem Bremspunkt zusätzlich heikel wird. Es folgen Luco und Poggio Secco, dann Materassi und Borgo San Lorenzo, ehe die vielleicht berühmteste Passage beginnt: Casanova und Savelli stürzen bergab in die beiden Arrabbiata-Kurven, zwei lange, schnelle Rechtsbögen, die volles Vertrauen in Maschine und Reifen verlangen. Der Name bedeutet „die Zornige“, und beide Kurven tragen ihn zu Recht. Scarperia und Palagio bilden eine schnelle Links-rechts-Kombination, Correntaio öffnet den kurzen hinteren Abschnitt, und über Biondetti geht es in die Bucine, die letzte Kurve, die Fahrer und Piloten wie eine Schleuder zurück auf die endlose Gerade wirft. Wer hier schnell sein will, braucht Präzision, Rhythmusgefühl und eine gehörige Portion Mut. Entscheidend ist dabei, dass die Kurven breit genug angelegt sind, um mehrere Linien zuzulassen: Genau deshalb liefert Mugello so oft verzweifelte Ausbremsmanöver in der San Donato auf der letzten Runde und packende Windschattenduelle auf der Geraden. Auch die Ingenieure schätzen den Kurs, weil er alle Qualitäten einer Maschine gleichzeitig auf die Probe stellt – Höchstgeschwindigkeit, Bremsstabilität, Kurvengrip und die Fähigkeit zum schnellen Richtungswechsel.

Heimspiel der MotoGP

So sehr Ferrari die Strecke prägt, ihre Seele verdankt sie dem Motorradsport. Seit den frühen neunziger Jahren ist Mugello die feste Heimat des Großen Preises von Italien in der Motorrad-Weltmeisterschaft, und das Rennwochenende hat sich zu einem der größten Feste des Rennsportjahres entwickelt. Das Layout passt perfekt zu zwei Rädern: Die Höhenunterschiede be- und entlasten die Reifen, die langen Bögen verlangen anhaltende Schräglage, und auf der Geraden werden die höchsten Geschwindigkeiten der gesamten MotoGP gemessen. Fahrer sprechen über Mugello mit einer Ehrfurcht, die nur wenigen Kursen zuteilwird, und für die italienischen Hersteller ist das Wochenende ein Heimspiel, dessen Bedeutung weit über die WM-Punkte hinausgeht. Ein Sieg vor dem toskanischen Publikum zählt doppelt. Hinzu kommt die besondere Kulisse: Die Hänge rund um die Strecke bilden natürliche Tribünen, von denen aus Zehntausende gleich mehrere Kurven auf einmal überblicken können, während der Motorenlärm zwischen den Talwänden hin- und herhallt. Wer einmal an einem Rennsonntag auf einem dieser Hügel gesessen hat, zwischen Grillrauch, Fahnen und Feuerwerkskörpern, vergisst die Atmosphäre nicht mehr – viele Fans reisen Jahr für Jahr wieder an, ganz gleich, wie das Rennen ausgeht.

Rossi, die gelbe Wand und das Publikum

Kein Text über Mugello kommt an Valentino Rossi vorbei. Zwischen 2002 und 2008 gewann der Mann aus Tavullia sieben Mal in Folge das Rennen der Königsklasse, und in diesen Jahren färbten sich die Hügel rund um die Strecke jeden Juni leuchtend gelb. Seine Fans besetzten die Naturtribünen über den schnellsten Passagen, zündeten Bengalos, spannten Transparente und verwandelten das Rennwochenende in ein Volksfest, das eher an ein Fußballfinale erinnerte als an eine Sportveranstaltung. Auch nach seinem Rücktritt kehren die gelben Fanscharen zurück, heute im Zeichen seiner VR46-Akademie und seines Teams, und jeder Italiener in Podestnähe wird von den Rängen nach vorn gebrüllt. Die sonntägliche Streckeninvasion nach der Zielflagge gehört seit Jahrzehnten so fest zum Ritual wie das Rennen selbst.

Formel 1 im Ausnahmejahr 2020

Trotz aller Ferrari-Nähe musste Mugello erstaunlich lange auf ein Formel-1-Weltmeisterschaftsrennen warten. Die Gelegenheit kam in der aus der Not geborenen Saison 2020, als der Kalender kurzfristig um europäische Strecken herum neu gebaut wurde und Mugello im September den Großen Preis der Toskana austrug. Das Rennen war zugleich der tausendste WM-Grand-Prix von Ferrari, gefeiert mit einer Sonderlackierung, und es wurde ein chaotischer, mehrfach mit roter Flagge unterbrochener Nachmittag, den Lewis Hamilton gewann. Die Fahrer schwärmten anschließend von den Hochgeschwindigkeitsbögen und nannten die Runde eine der körperlich fordernden der Saison. In den Kalender zurückgekehrt ist die Formel 1 seither nicht – aber die Frage, ob das Layout moderne Grand-Prix-Autos fordern kann, ist seit jenem Wochenende endgültig beantwortet.

Tipps für den Besuch

Mugello ist fast das ganze Jahr über in Betrieb: Neben der MotoGP gastieren Superbike-Serien, GT- und Tourenwagenrennen, historische Festivals und unzählige Trackdays im Tal. Wer das MotoGP-Wochenende erleben will, sollte früh planen – die Naturtribünen an den Arrabbiata-Kurven und an der Poggio Secco bieten spektakuläre Einblicke, Campingplätze rund um die Strecke sind Wochen vorher ausgebucht. Und weil das Mugello-Tal mit seinen Medici-Villen, Zypressenalleen und kleinen toskanischen Städtchen selbst eine Reise wert ist, lohnt sich die Anreise auch an ruhigen Tagen: Dann hallt nur das Heulen einer einzelnen Maschine von den Hängen wider, und man versteht, warum Fahrer diesen Ort so lieben.

Auf der Karte

Mugello ist eine von Hunderten Strecken, die auf unserer interaktiven Karte verzeichnet sind. Zoomen Sie in die Toskana hinein, um zu sehen, wie sich der Kurs bei Scarperia durch das Tal windet, und entdecken Sie von dort aus Italiens andere große Rennorte – vom Königlichen Park in Monza bis zu den Flussschleifen von Imola. Jeder Marker führt direkt zum Standort, ideal für die Planung eines Motorsport-Roadtrips durch das Herz Italiens.