Goodwood Festival of Speed: Das Bergrennen auf der Auffahrt eines Herzogs im Detail
Man muss sich das einmal vor Augen führen: Die berühmteste Bergrennstrecke der Welt ist keine Passstraße in den Alpen und kein Gebirgskurs in den Rocky Mountains, sondern schlicht die Auffahrt eines englischen Landsitzes. Jeden Sommer säumen Strohballen und Zeitnahmetechnik die private Allee, die durch den Park von Goodwood House bei Chichester in West Sussex bergauf führt. Vier Tage lang jagen dann Formel-1-Wagen, Le-Mans-Prototypen, Vorkriegs-Grand-Prix-Maschinen und elektrische Rekordfahrzeuge über einen Kurs von gerade einmal 1,16 Meilen, also rund 1,86 Kilometern. Kaum ein Stück Asphalt dieser Länge hat so viele denkwürdige Momente des Motorsports hervorgebracht.
Eine Auffahrt als Rennstrecke
Goodwood House ist der Stammsitz der Herzöge von Richmond, und die Strecke des Bergrennens ist nichts anderes als die Zufahrtsstraße des Anwesens, die vom Haus hinauf in Richtung der South Downs führt. Genau diese Herkunft prägt ihren Charakter. Die Straße wurde nie für Rennen gebaut: Sie ist schmal, gewölbt wie eine Landstraße und auf einem entscheidenden Abschnitt von einer alten Feuersteinmauer statt von Auslaufzonen begrenzt. Sturzräume im modernen Sinne gibt es praktisch nicht; Heuballen, Böschungen und jahrhundertealte Bäume markieren die Grenzen. Viele Profis berichten, dass ein schneller Lauf in Goodwood intensiver wirkt als eine Runde auf einem modernen Kurs, weil jeder kleine Fehler sofort Konsequenzen hat. Dazu kommt die surreale Kulisse: Zuschauer picknicken wenige Meter neben Weltmeisterautos auf dem Rasen, und direkt vor dem Haus erhebt sich die zentrale Skulptur des Festivals, über viele Jahre gestaltet vom Künstler Gerry Judah, die jeweils eine Marke der Motorsportgeschichte ehrt. Dass all das auf dem Gelände eines bewohnten Herrenhauses stattfindet, zwischen Schafweiden, alten Bäumen und gepflegten Beeten, macht den besonderen Reiz des Ortes aus – nirgendwo sonst liegen ländliche Idylle und Höchstgeschwindigkeit so dicht beieinander.
Die Geschichte: 1936, 1948, 1993
Motorsport auf dieser Auffahrt ist älter als das Festival selbst. Bereits 1936 richtete Freddie March, der 9. Herzog von Richmond und selbst erfolgreicher Rennfahrer, auf der Gutsstraße ein Bergrennen für den Lancia Car Club aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete er 1948 den Goodwood Motor Circuit auf dem Randweg des ehemaligen Militärflugplatzes des Anwesens; dort wurde bis 1966 auf höchstem britischem Niveau Rundstreckensport betrieben. Die moderne Wiederbelebung kam von seinem Enkel: Lord March, der spätere 11. Herzog von Richmond, wollte den Rennsport zurück nach Goodwood holen und begann 1993 dort, wo sein Großvater aufgehört hatte – auf der Auffahrt. Das erste Festival of Speed war nach heutigen Maßstäben eine überschaubare Veranstaltung, doch das Konzept zündete sofort. Fünf Jahre später kehrte auch der Rundstreckensport zurück, als 1998 das Goodwood Revival auf dem alten Kurs Premiere feierte. Das Herz des Festivals aber blieb der Berg.
Der Streckenverlauf im Detail
Der Start liegt in unmittelbarer Nähe von Goodwood House. Die Strecke steigt zunächst sanft an und führt an der Fassade des Hauses vorbei, sodass die Fahrzeuge auf dem Anfangsstück beachtliche Geschwindigkeiten aufbauen können. Anschließend schwingt sich die Straße durch den Park, überquert eine unscheinbare Kuppe und verengt sich in der technisch anspruchsvolleren oberen Hälfte. Weil der gesamte Lauf für die schnellsten Fahrzeuge deutlich weniger als eine Minute dauert, gibt es keine Phase des Herantastens; ein konkurrenzfähiger Lauf ist eine einzige, ununterbrochene Mutprobe vom Start bis ins Ziel. Der Belag ist gewöhnlicher Gutsasphalt, kein Rennstreckenbelag, und der Grip verändert sich mit Temperatur, Baumschatten und dem Gummiabrieb des Wochenendes. Die Ziellinie liegt oben zwischen den Bäumen nahe der Hügelkuppe. Ein Zuschauer kann den Kurs in etwa zwanzig Minuten zu Fuß ablaufen – und genau das tun Zehntausende, die sich an jeder interessanten Stelle an den Zäunen drängen. Gefahren wird über vier Tage von Donnerstag bis Sonntag, in Gruppen, die nach Epochen und Fahrzeugkategorien geordnet den Berg hinaufgeschickt werden. Für die einzelnen Teilnehmer bedeutet das nur eine Handvoll Läufe pro Wochenende. Testrunden im klassischen Sinne gibt es nicht, und wer schnell sein will, muss sich auf Erfahrung, Videostudium und Mut verlassen.
Molecomb und die Flintsteinmauer
Zwei Namen beherrschen jedes ernsthafte Gespräch über den Berg von Goodwood. Molecomb ist eine Linkskurve etwa auf zwei Dritteln der Strecke, die über einen der schnellsten Abschnitte angefahren wird und deutlich enger ist, als sie aus der Anfahrt wirkt. Die Bremszone ist kurz, leicht abschüssig und kommt genau in dem Moment, in dem die Fahrer ihr größtes Selbstvertrauen aufgebaut haben. Jahr für Jahr sammelt Molecomb die spektakulärsten Fahrfehler des Wochenendes ein, vom historischen Rennwagen bis zum modernen Supersportler, meist mit einem Abflug in die Heuballen. Wer Molecomb übersteht, erreicht fast unmittelbar danach die Flint Wall: eine enge Rechts-links-Passage, die sich an der alten Feuersteinmauer des Anwesens entlangzwängt. Die Mauer verzeiht nichts, die Fahrbahn ist bei hohem Tempo kaum breiter als die Autos, und auf Onboard-Aufnahmen fliegt der Stein nur Zentimeter neben den Spiegeln vorbei. Diese beiden Abschnitte sind der Grund, warum der Berg Mut und Präzision gleichermaßen belohnt – und warum Profis Rekordversuche mit vollem Einsatz mit großem Respekt behandeln.
Rekordjagd am Hang
Zwei Jahrzehnte lang gehörte die Bestmarke der Formel 1. 1999 trieb Nick Heidfeld einen McLaren MP4/13, das Weltmeisterauto der Vorsaison, in 41,6 Sekunden den Berg hinauf – eine Zeit, die alles andere so deutlich in den Schatten stellte, dass sie beinahe mythischen Status erlangte. Aktuelle Formel-1-Fahrzeuge absolvieren seither in der Regel nur noch Demonstrationsfahrten, was den Rekord zwei Jahrzehnte lang konservierte. Erst 2019 fiel er, als Romain Dumas den vollelektrischen Volkswagen ID.R in 39,90 Sekunden hinaufjagte und damit erstmals die 40-Sekunden-Marke unterbot. Drei Jahre später verschob sich die Messlatte erneut: 2022 fuhr Max Chilton im winzigen McMurtry Spéirling, einem elektrischen Einsitzer, der sich mit Ventilatoren an die Fahrbahn saugt, atemberaubende 39,08 Sekunden. Jeder dieser Rekorde erzählt von seiner technologischen Epoche – von der Formel 1 auf Rillenreifen über elektrisches Drehmoment bis zum ventilatorgestützten Abtrieb – gemessen an ein und demselben unveränderten Stück Auffahrt in Sussex. Bemerkenswert ist zudem, wie selten ernsthafte Rekordversuche überhaupt unternommen werden: Die Kombination aus schmaler Fahrbahn, fehlenden Auslaufzonen und enormem Tempo sorgt dafür, dass Veranstalter und Teams sehr genau abwägen, welchem Fahrzeug und welchem Fahrer sie einen echten Angriff auf die Bestzeit zutrauen.
Das Festival rund um den Hügel
Das gezeitete Bergrennen bildet das Rückgrat des Festivals und gipfelt im Shootout am Sonntag, wenn die schnellsten Teilnehmer ihre letzten Läufe mit vollem Risiko absolvieren. Doch die Veranstaltung drumherum ist längst viel größer geworden. Rallyefahrzeuge attackieren eine eigene Waldprüfung, die durch die Wälder oberhalb des Hügels geschlagen wurde. In den Fahrerlagern auf den Rasenflächen des Anwesens stehen Fahrzeuge von der Edwardianischen Ära bis zum aktuellen Hypercar, für Besucher zugänglich, wie es kein Grand-Prix-Fahrerlager je wäre. Motorräder, Driftautos, NASCAR-Stockcars und Landgeschwindigkeits-Rekordfahrzeuge teilen sich am Wochenende dieselbe Startlinie. Hersteller nutzen das Festival für Weltpremieren neuer Straßenfahrzeuge und machen es damit faktisch zu einer Automobilmesse im Schlosspark, während Fahrer aller Epochen, Weltmeister eingeschlossen, durch die Fahrerlager schlendern und gegenseitig ihre Autos bewegen. Zusammengehalten wird all das vom Berg: In Goodwood führt am Ende jeder Weg diese Auffahrt hinauf. Wer einmal dort war, versteht schnell, warum viele Fahrer das Wochenende als festen Termin im Kalender behandeln – nicht wegen der Punkte, die es hier nicht gibt, sondern wegen der einzigartigen Nähe zwischen Maschine, Geschichte und Publikum.
Auf der Karte
Das Anwesen von Goodwood gehört zu den dichtesten Motorsport-Standorten der Welt: Bergrennstrecke, der historische Goodwood Motor Circuit und die umliegenden Rennorte in Sussex liegen nur wenige Minuten voneinander entfernt. Auf unserer interaktiven Karte findest du das Bergrennen bei Goodwood House und kannst von dort aus die Rennstrecken und Speedways der Umgebung sowie ganz Englands erkunden. Zoome nach West Sussex hinein, um zu sehen, wie Auffahrt, Flugplatzkurs und die weitere Rennlandschaft zusammenhängen – und plane von dort deine nächste Motorsportreise.