Goodwood Motor Circuit: Wo England jeden September die Uhren zurückdreht
Es gibt einen Ort in England, an dem die Gegenwart drei Tage im Jahr schlicht abgeschafft wird. Zwischen den Hügeln der South Downs in West Sussex, ein paar Kilometer nördlich von Chichester, verwandelt sich der Goodwood Motor Circuit jeden September in die Welt der Jahre 1948 bis 1966: Jaguar gegen Ferrari, Tweed statt Funktionsjacke, kein modernes Sponsorenlogo weit und breit. Das Goodwood Revival ist die vielleicht berühmteste historische Motorsportveranstaltung der Welt - doch der Grund, warum sie ausgerechnet hier funktioniert, liegt in einer Geschichte, die mit Spitfires beginnt und mit einer bemerkenswert sturen Entscheidung weitergeht.
Ein Wochenende in einer anderen Zeit
Wer zum ersten Mal durch die Tore des Revival tritt, braucht einen Moment, um zu begreifen, wie konsequent die Illusion ist. Die Zuschauer kommen in zeitgenössischer Kleidung, die Mechaniker tragen weiße Overalls, im Fahrerlager stehen Rennwagen, deren Versicherungswerte in die Millionen gehen - und die trotzdem kompromisslos bewegt werden. Rennen wie die RAC TT Celebration, die St Mary's Trophy für klassische Tourenwagen oder die Barry Sheene Memorial Trophy für Motorräder sind kein Schaulaufen, sondern harter Sport mit Profis und ehemaligen Champions am Steuer. Selbst die Kinder fahren mit: Im Settrington Cup treten sie in historischen Tretautos gegeneinander an. Nichts davon wirkt aufgesetzt, weil die Kulisse echt ist. Goodwood muss die Vergangenheit nicht nachbauen - die Strecke ist die Vergangenheit.
Vom Flugplatz zur Rennstrecke
Die Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg. Auf dem Land des Goodwood Estate entstand der Militärflugplatz RAF Westhampnett, ein Satellit des berühmten Jagdfliegerstützpunkts RAF Tangmere. Während der Luftschlacht um England starteten von hier Spitfires und Hurricanes; auch der legendäre britische Pilot Douglas Bader flog 1941 von Westhampnett zu jenem Einsatz, von dem er nicht zurückkehrte - er wurde über Frankreich abgeschossen und geriet in Gefangenschaft.
Nach dem Krieg erkannte Freddie March, der 9. Duke of Richmond und vor dem Krieg selbst erfolgreicher Rennfahrer in Brooklands, das Potenzial des Geländes: Die Ringstraße, auf der die Jagdflugzeuge einst zu ihren Stellplätzen gerollt waren, bildete einen schnellen, flüssigen Kurs von rund 3,8 Kilometern Länge. Anders als viele andere Flugplatzkurse jener Jahre, die flach und gesichtslos blieben, erbte Goodwood vom Gelände am Fuß der South Downs eine feine Welligkeit und einen natürlichen Rhythmus - es brauchte erstaunlich wenig, um daraus eine echte Rennstrecke zu machen. Am 18. September 1948 fand das erste Rennwochenende statt - eine der allerersten Motorsportveranstaltungen im Nachkriegsbritannien, noch bevor wenige Wochen später auch Silverstone seine Premiere feierte. Unter den Siegern des Eröffnungstages: ein junger Mann namens Stirling Moss, der die 500-cm³-Klasse gewann und dessen Name mit Goodwood für immer verbunden bleiben sollte.
Der Charakter der Strecke
Goodwood ist das Gegenteil einer modernen Retortenstrecke. Es gibt keine engen Schikanenfolgen, keine Stadionkurven, keine für Überholmanöver konstruierten Haarnadeln - stattdessen eine Abfolge schneller, fordernder Kurven, die dem Fahrer Präzision und Mut abverlangen. Nach Start und Ziel geht es in die lange Rechtskurve Madgwick, dann über den Vollgasknick Fordwater in die heikle Kurvenkombination von St Mary's, wo das Auto nie wirklich zur Ruhe kommt. Die doppelte Rechtskurve Lavant entlässt die Fahrzeuge auf die Lavant Straight, den schnellsten Abschnitt der Runde, bevor die gefürchtete Rechtskurve Woodcote und die Schikane vor den Boxen die Runde beschließen.
Die Runde ist kurz, aber sie kennt keine Verschnaufpause. Fahrer aus allen Epochen beschreiben dasselbe Phänomen: Goodwood belohnt einen runden, sauberen Fahrstil und bestraft jede Hektik. Die Durchschnittsgeschwindigkeiten sind für eine Strecke dieser Länge erstaunlich hoch - was in der Geschichte des Kurses noch eine entscheidende Rolle spielen sollte.
Die goldene Ära
In den fünfziger und frühen sechziger Jahren gehörte Goodwood zu den Zentren des britischen Motorsports. Die Goodwood Nine Hours brachten in den frühen und mittleren Fünfzigern gleich dreimal Langstreckensport nach Sussex - mit Zieleinläufen unter Flutlicht, ein für das Nachkriegsengland geradezu exotisches Spektakel. Noch bedeutender war die RAC Tourist Trophy, eines der ältesten Rennen des Motorsports überhaupt, die von 1958 bis 1964 in Goodwood ausgetragen wurde. Stirling Moss gewann sie hier mehrfach und zeigte dabei in Aston Martin und Ferrari einige der größten Sportwagenvorstellungen seiner Karriere.
Dazu kamen die traditionellen Saisonfixpunkte: Das Ostermontagsrennen um die Glover Trophy, bei dem Formel-1-Wagen antraten, eröffnete das britische Rennjahr, die September-Veranstaltungen beschlossen es. Weil die Familie Richmond den Rennsport stets auch als gesellschaftliches Ereignis verstand, entwickelte der Ort jene Mischung aus Landhaus-Eleganz und ernsthaftem Wettbewerb, von der er bis heute lebt. Zehntausende reisten an diesen Wochenenden nach Sussex, picknickten an den Erdwällen entlang der Strecke und sahen die besten Fahrer ihrer Zeit aus nächster Nähe - ein Motorsport, der noch ohne Zäune, Hospitality-Bauten und Fernsehregie auskam.
Schatten über Sussex
Zur Wahrheit dieses Ortes gehören auch seine dunklen Tage. Am Ostermontag 1962 verunglückte ausgerechnet Stirling Moss beim Rennen um die Glover Trophy schwer: Sein Lotus kam mit hoher Geschwindigkeit von der Strecke ab, Moss lag wochenlang im Koma. Er erholte sich, doch in den Spitzenmotorsport kehrte er nie zurück - der vielseitigste Rennfahrer seiner Generation war mit einem Schlag verloren.
Acht Jahre später traf es Bruce McLaren. Der Neuseeländer, Gründer des Teams, das bis heute seinen Namen trägt, kam am 2. Juni 1970 bei Testfahrten mit seinem Can-Am-Rennwagen McLaren M8D in Goodwood ums Leben. Die Strecke war zu diesem Zeitpunkt längst für Rennen geschlossen, diente aber weiterhin als vielgenutztes Testgelände. McLarens Tod an einem Ort, der so sehr für die romantische Ära des Sports steht, zählt zu den schmerzhaftesten Verlusten der Motorsportgeschichte.
Die sture Entscheidung von 1966
1966 fand das letzte zeitgenössische Rennwochenende statt. Der Grund war paradoxerweise ein ehrenwerter: Die Rennwagen waren dramatisch schneller geworden, und die Eigentümer weigerten sich, den fließenden Kurs mit Schikanen zu zerschneiden oder hinter Leitplankenwällen verschwinden zu lassen. Lieber gar keine Rennen als eine verstümmelte Strecke - so lautete die Entscheidung. Über drei Jahrzehnte führte der Kurs ein Schattendasein als Teststrecke, während nebenan der Flugplatz von Goodwood weiter in Betrieb blieb.
Was 1966 wie eine Niederlage aussah, erwies sich als größter Glücksfall der Streckengeschichte: Weil nie umgebaut wurde, wurde auch nie etwas zerstört. Goodwood blieb versehentlich konserviert - eine originale Rennstrecke der fünfziger Jahre, eingefroren im Dornröschenschlaf.
Wiedergeburt: Festival of Speed und Revival
Die Rettung kam aus der eigenen Familie. Charles Gordon-Lennox, damals Earl of March und heute 11. Duke of Richmond, hatte 1993 im Park von Goodwood House bereits das Festival of Speed ins Leben gerufen, ein Bergrennen der Superlative. Im September 1998, auf den Monat genau fünfzig Jahre nach der Eröffnung durch seinen Großvater, kehrte der Rennsport auf den Kurs zurück: Das erste Goodwood Revival fand statt.
Das Konzept war von radikaler Konsequenz: Zugelassen sind ausschließlich Fahrzeuge jener Typen, die zwischen 1948 und 1966 hier fuhren, und die gesamte Veranstaltung wird stilecht in der Epoche inszeniert. Seit 2014 ergänzt zudem das wiederbelebte Members' Meeting im Frühjahr den historischen Rennkalender - eine intimere Veranstaltung in der Tradition der alten Clubrennen des British Automobile Racing Club. So ist Goodwood heute kein Museum, sondern eine lebendige Rennstrecke: Der Flugplatz fliegt, ganzjährig finden Trackdays statt, und beim Revival wird vor weit über hunderttausend Zuschauern um jeden Meter gekämpft - genau wie 1958.
Auf der Karte
Der Goodwood Motor Circuit liegt unmittelbar nördlich von Chichester in West Sussex, eingebettet in die grüne Landschaft am Fuß der South Downs - und er ist nur eine von hunderten Rennstrecken, die es zu entdecken gibt. Auf unserer interaktiven map findest du die genaue Lage des Kurses und kannst von dort aus die erstaunliche Dichte historischer Strecken in England erkunden, von ehemaligen Flugplätzen wie Silverstone bis zu Speedway-Bahnen. Jede Markierung erzählt eine Geschichte - Goodwood erzählt seine eben im Kostüm der fünfziger Jahre.