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Indianapolis Motor Speedway: Der Brickyard im Porträt

Es gibt Rennstrecken, die berühmt sind, und es gibt den Indianapolis Motor Speedway. Das riesige Oval im US-Bundesstaat Indiana wurde 1909 eröffnet und gehört damit zu den ältesten noch aktiven permanenten Rennstrecken der Welt. Seit 1911 wird hier das Indianapolis 500 ausgetragen, das sich selbst als das größte Spektakel des Motorsports bezeichnet — und an Renntagen tatsächlich mehr Zuschauer anzieht als jedes andere eintägige Sportereignis. Der Ort, an dem all das stattfindet, trägt einen Spitznamen, der aus Ziegelsteinen gemauert ist: der Brickyard.

Ein Ort der Superlative

Um die Dimensionen dieser Anlage zu begreifen, hilft ein Blick aus der Luft. Der Speedway liegt in der eigens nach ihm benannten Stadt Speedway, westlich der Innenstadt von Indianapolis, und sein Innenraum ist so groß, dass darin ein Straßenkurs, ein Museum und sogar mehrere Löcher eines Golfplatzes Platz finden. Die permanenten Tribünen fassen weit über 200.000 Zuschauer; öffnet man am Renntag zusätzlich das Infield, steigt die Gesamtkapazität auf über 300.000 Menschen. Damit gilt der Indianapolis Motor Speedway gemeinhin als die größte Sportstätte der Welt. Gern erzählt wird die Anekdote, dass berühmte Stadien und Bauwerke — vom Kolosseum bis zur Vatikanstadt — zusammen in den Innenraum passen würden. Ob man die Rechnung im Detail glaubt oder nicht: Die schiere Größe des Ovals verschlägt jedem Erstbesucher die Sprache.

Carl Fishers Teststrecke

Am Anfang stand keine Sportidee, sondern ein industrielles Bedürfnis. Der Geschäftsmann Carl G. Fisher, ein umtriebiger Förderer des frühen Automobilwesens, war überzeugt, dass die junge amerikanische Autoindustrie eine permanente Versuchsstrecke brauchte, auf der Hersteller ihre Fahrzeuge bei hohem Tempo erproben konnten. Gemeinsam mit den Partnern James Allison, Arthur Newby und Frank Wheeler kaufte er Ackerland vor den Toren von Indianapolis und ließ dort ein gewaltiges Oval anlegen. Kurios: Die allererste Veranstaltung auf dem Gelände im Sommer 1909 war gar kein Autorennen, sondern ein Wettbewerb für Gasballone. Wenig später folgten Motorrad- und Automobilrennen — und mit ihnen eine Katastrophe, die den Charakter der Strecke für immer prägen sollte.

Warum ausgerechnet Ziegelsteine?

Die ursprüngliche Fahrbahn bestand aus einem Gemisch von Schotter und Teer, und unter der Belastung der Rennwagen löste sie sich buchstäblich auf. Beim ersten Automobilrennen im August 1909 kam es zu tödlichen Unfällen, an denen die zerbröselnde Oberfläche erheblichen Anteil hatte. Fisher zog die Konsequenz und ließ die gesamte Strecke noch im Herbst 1909 neu pflastern — mit rund 3,2 Millionen Ziegelsteinen, die von Hand in ein Sandbett gesetzt wurden. Der Spitzname Brickyard, also Ziegelei, war geboren. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Pflaster nach und nach asphaltiert, zunächst nur an den rauesten Stellen, ab 1961 schließlich vollständig. Übrig blieb ein einziger, etwa 91 Zentimeter breiter Streifen der Originalziegel an der Start-Ziel-Linie: der berühmte Yard of Bricks. Ihn nach dem Sieg zu küssen ist heute festes Ritual — begonnen hat damit 1996 der NASCAR-Sieger Dale Jarrett mit seiner Crew, und inzwischen knien Gewinner aller Rennserien auf den alten Steinen.

Die Geometrie des Ovals

Was das Layout betrifft, hat sich seit 1909 fast nichts verändert — eine Seltenheit im Motorsport. Genau genommen ist das Oval ein abgerundetes Rechteck von 2,5 Meilen Länge, also gut vier Kilometern: zwei lange Geraden von jeweils fünf Achteln einer Meile, zwei kurze Verbindungsgeraden von je einer Achtelmeile und vier nahezu identische Kurven von je einer Viertelmeile. Die Überhöhung der Kurven beträgt lediglich neun Grad und zwölf Minuten — verglichen mit den steilen Wänden späterer Superspeedways ist das fast flach. Genau darin liegt die sportliche Härte von Indianapolis: Die Fahrer können sich nicht in eine Steilkurve legen, sondern müssen vier scheinbar gleiche, in Wahrheit aber je nach Wind und Temperatur völlig unterschiedliche Ecken mit äußerster Präzision treffen, bei Geschwindigkeiten von deutlich über 350 km/h. Der Qualifikationsrekord, ein Vier-Runden-Schnitt von mehr als 236 Meilen pro Stunde, den Arie Luyendyk 1996 aufstellte, hat bis heute Bestand.

Das Indy 500: 200 Runden Ewigkeit

1911 entschieden sich die Betreiber gegen viele kleine Rennen und für ein einziges Monument: 500 Meilen, 200 Runden, ein Tag. Der erste Sieger hieß Ray Harroun, fuhr einen Marmon Wasp mit einem Durchschnittstempo von knapp 75 Meilen pro Stunde und montierte statt des damals üblichen mitfahrenden Mechanikers einen Rückspiegel — eine Pioniertat, die in die Automobilgeschichte einging. Seither wird das Rennen traditionell am Memorial-Day-Wochenende Ende Mai ausgetragen. 33 Autos gehen in elf Dreierreihen ins Rennen, eine Formation, die es so nirgendwo sonst gibt. Vier Fahrer haben das 500 je viermal gewonnen: A.J. Foyt, Al Unser, Rick Mears und Hélio Castroneves. Jedes Jahr im Mai fragt sich die Motorsportwelt aufs Neue, ob irgendwann jemand den fünften Sieg schafft. Die hundertste Austragung im Jahr 2016 unterstrich, wie tief das Rennen im amerikanischen Kalender verwurzelt ist: Kein anderes Motorsportereignis der Welt blickt auf eine derart ununterbrochene Tradition an ein und demselben Ort zurück, und für viele Fahrer wiegt ein einziger Sieg in Indianapolis schwerer als ganze Meisterschaften.

Milch, Pagode und Gasoline Alley

Kaum ein Sportereignis ist so von Ritualen durchdrungen wie das Indy 500. Der Sieger trinkt in der Victory Lane Milch — zurückzuführen auf Louis Meyer, der nach seinem dritten Triumph 1936 um Buttermilch bat und damit unbeabsichtigt eine Institution begründete. Das Gesicht jedes Siegers wird als Relief auf der Borg-Warner-Trophäe verewigt, die das Rennen seit den 1930er-Jahren begleitet. Vor dem Start erklingt Back Home Again in Indiana, das Fahrerlager hinter den Boxen heißt seit jeher Gasoline Alley, und über allem thront die markante Pagode, der mehrstöckige Kontrollturm an Start und Ziel. Der ganze Monat Mai — mit Trainings, Qualifying und dem Carb Day — wird in Indiana beinahe wie eine eigene Jahreszeit behandelt. Selbst der Startbefehl hat hier Geschichte: Über Jahrzehnte war es Tony Hulman persönlich, der die Fahrer mit den berühmten Worten zum Anlassen der Motoren aufforderte, und bis heute gehört dieser Moment zu den emotionalsten des gesamten Rennjahres.

Krieg, Rettung und die Ära Penske

Dass es den Speedway überhaupt noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. In beiden Weltkriegen ruhte der Rennbetrieb; nach dem Zweiten Weltkrieg war die Anlage so verwahrlost, dass ein Abriss zugunsten von Wohnbebauung drohte. Der Fliegerheld Eddie Rickenbacker, seit 1927 Eigentümer, verkaufte die Strecke im November 1945 an den Unternehmer Tony Hulman aus Indiana, der sie aufwendig sanierte und das 500 bereits 1946 wiederbelebte. Fast 75 Jahre lang blieb der Speedway im Besitz der Familie Hulman-George, ehe Ende 2019 der Verkauf an Roger Penske bekannt gegeben wurde — jenen Teambesitzer, dessen Mannschaften das 500 öfter gewonnen haben als jede andere. Unter Penske Entertainment wurde kräftig investiert, und neben dem IndyCar-Klassiker gastieren weitere Serien am Brickyard: NASCAR fährt seit 1994 in Indianapolis, die Formel 1 trug hier von 2000 bis 2007 den Großen Preis der USA auf einem Infield-Kurs aus, und von 2008 bis 2015 kam sogar die MotoGP. Damit haben auf dem Gelände des Brickyard Formelautos, Stockcars, Sportwagen und Grand-Prix-Motorräder auf höchstem Niveau gekämpft — eine Bandbreite, die kaum eine andere Rennstrecke der Welt vorweisen kann. Wer heute das Gelände besucht, findet im Infield außerdem das Museum des Speedways mit einer bemerkenswerten Sammlung siegreicher Rennwagen aus mehr als einem Jahrhundert sowie mehrere Bahnen des Golfplatzes Brickyard Crossing. Der Straßenkurs im Innenraum, auf dem einst die Formel 1 fuhr, wird weiterhin für Rennen genutzt und hält den Betrieb am Brickyard weit über den Mai hinaus lebendig.

Auf der Karte

Aus der Vogelperspektive ist der Indianapolis Motor Speedway unverwechselbar: ein gewaltiges graues Rechteck, das die Stadt Speedway regelrecht umschließt. Auf unserer interaktiven map findest du den Brickyard mit einem Klick — und kannst von dort aus weiterziehen zu den anderen Ovalen, Speedways und Rundkursen des amerikanischen Mittelwestens, um das 2,5-Meilen-Monument mit Rennstrecken auf der ganzen Welt zu vergleichen.