Mount Panorama: Australiens Bergrennstrecke auf öffentlichen Straßen
Wer an einem gewöhnlichen Werktag nach Bathurst in New South Wales fährt und den Schildern auf den Hügel am westlichen Stadtrand folgt, landet unversehens auf einer der berühmtesten Rennstrecken der Welt. Der Mount Panorama ist die meiste Zeit des Jahres eine ganz normale öffentliche Straße: Es gilt Tempo 60, der Verkehr rollt in beide Richtungen, und die Wohnhäuser und Weinberge am Streckenrand haben wohl die kurioseste Adresse des internationalen Motorsports. Doch wenn die Rennwoche beginnt, schließen sich die Tore, die Betonmauern verschwinden hinter Sponsorenfarben, und aus der beschaulichen Aussichtsstraße wird der Schauplatz der wichtigsten Autorennen Australiens.
Vom Panoramaweg zur Rennstrecke
Seine Existenz verdankt der Mount Panorama der Weltwirtschaftskrise. In den 1930er Jahren ließ die Stadt Bathurst arbeitslose Männer eine Touristenstraße über den Hügel oberhalb der Stadt bauen – ein Projekt, das der damalige Bürgermeister Martin Griffin mit Nachdruck vorantrieb. Schon bei der Planung dachte man ganz bewusst auch an den Rennsport, und als die Straße 1938 eröffnet wurde, fand dort umgehend Spitzensport statt, darunter der Australische Grand Prix desselben Jahres. Der Hügel selbst trägt eine weitaus ältere Identität: Für die Wiradjuri, die traditionellen Eigentümer des Landes, heißt er Wahluu, und heute ist der Ort offiziell unter beiden Namen anerkannt. Auch Griffins Verdienste blieben nicht vergessen – die bergauf führende Rechtskurve am Ende der Mountain Straight heißt ihm zu Ehren Griffins Bend. So wurde aus einem Arbeitsbeschaffungsprojekt der Depressionsjahre beinahe unbemerkt eine feste Größe des Weltmotorsports, ohne dass die Straße je aufgehört hätte, das zu sein, als was sie gebaut wurde: eine öffentliche Panoramastraße mit großartigem Blick über die Ebenen von New South Wales.
Eine Runde über den Berg
Die Strecke misst 6,213 Kilometer, und der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt beträgt rund 174 Meter – damit gehört sie zu den dramatischsten Kursen des Spitzensports. Eine Runde beginnt auf der Boxengeraden am Fuß des Hügels, biegt in Hell Corner nach links ab und klettert dann unerbittlich die Mountain Straight hinauf. Über Griffins Bend und die steile, unübersichtliche Linkskurve The Cutting erreichen die Fahrer die Kuppe des Berges, wo sich die Fahrbahn dramatisch verengt und sich zwischen Betonmauern durch Reid Park, Sulman Park und McPhillamy Park fädelt. Bei Skyline bricht das Gelände regelrecht weg, und die Autos stürzen bergab durch die Esses und die gefürchtete Kompression von The Dipper, ehe sie Forrest's Elbow erreichen. Von dort schießt die Conrod Straight – benannt nach einem gebrochenen Pleuel in den Anfangsjahren der Strecke – die Fahrzeuge zurück Richtung Stadt; die schnellsten Autos nähern sich dabei der Marke von 300 km/h. The Chase, eine schnelle Links-rechts-Kombination, die 1987 zur Erfüllung internationaler Sicherheitsauflagen eingebaut wurde, unterbricht die Gerade, bevor Murray's Corner die Runde vollendet. Oben auf dem Berg gibt es praktisch keine Auslaufzonen; die Mauern stehen zum Greifen nah, und ein kleiner Fehler bleibt hier selten ohne Folgen.
Das Große Rennen: die Geschichte der Bathurst 1000
Das Rennen, das die Strecke weltberühmt machte, entstand ursprünglich gar nicht dort. 1960 wurde auf Phillip Island im Bundesstaat Victoria ein 500-Meilen-Langstreckenrennen für seriennahe Autos ausgetragen, die Armstrong 500. Als der dortige Belag der Belastung nicht mehr standhielt, zog das Rennen 1963 auf den Mount Panorama um – und wird seither ununterbrochen auf dem Berg gefahren. 1973 stellte man die Distanz auf 1000 Kilometer um und gab dem Rennen damit den Namen, den es bis heute trägt. Die Bathurst 1000 wird inzwischen von der Supercars Championship über 161 Runden ausgetragen, stets im Oktober, und die Australier nennen sie schlicht das Große Rennen – The Great Race. Es ist echter Langstreckensport: Zwei Fahrer teilen sich jedes Auto, Boxenstrategie und Materialschonung zählen ebenso viel wie pure Geschwindigkeit, und der Berg bestraft jeden, dessen Konzentration in den letzten Stunden nachlässt. Die Ausgabe von 1987 zählte zur Tourenwagen-Weltmeisterschaft – der Anlass, zu dem The Chase gebaut wurde –, und internationale Teams zieht es seit jeher zu diesem Rennen.
Ford gegen Holden – eine australische Rivalität
Kein Rennen in Australien war über Jahrzehnte so sehr mit Stammesdenken aufgeladen wie die Bathurst 1000 in der Ära des Duells zwischen Ford und Holden. Für Generationen von Fans gehörte die jährliche Schlacht der beiden Marken so selbstverständlich zum Kalender wie jeder Feiertag, und die Campingplätze oben auf dem Berg teilten sich säuberlich in zwei Lager. Die überragende Figur jener Zeit war Peter Brock, der das Große Rennen zwischen 1972 und 1987 neun Mal gewann und dafür den Titel King of the Mountain erhielt. Brocks Beherrschung dieser Strecke – vor allem in den Holdens, die er berühmt machte – machte ihn zur nationalen Ikone; sein Tod bei einem Rallyeunfall im Jahr 2006 versetzte das ganze Land in Trauer. Er war beileibe nicht der einzige Held, den der Berg hervorbrachte: Allan Moffat führte 1977 einen legendären Formations-Doppelsieg für Ford an, und die Siegerliste liest sich wie eine Geschichte des australischen Tourenwagensports in Kurzform. Selbst heute, da Holden als Marke verschwunden ist, prägt das Echo dieser Rivalität noch immer die Atmosphäre der Rennwoche.
Die Bathurst 12 Hour und andere Rennen
Die Bathurst 1000 mag die Hauptattraktion sein, doch sie hat den Berg längst nicht mehr für sich allein. Die Bathurst 12 Hour entstand Anfang der 1990er Jahre als Langstreckenrennen für Serienfahrzeuge, wurde 2007 wiederbelebt und hat sich seither zu einem der bedeutendsten GT3-Langstreckenrennen der Welt entwickelt, das jeden Februar Werksteams und internationale Stars nach Australien lockt. Der Start in der Morgendämmerung, wenn die Scheinwerfer die Mountain Straight hinaufleuchten, während die Sonne über dem Tal aufgeht, zählt zu den ikonischen Bildern des modernen Motorsports. Die Geschichte der Strecke hat außerdem zwei Räder: Über weite Teile des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Motorradrennen zu Ostern eine feste Bathurst-Tradition, und der Mut, den es brauchte, um über die Bergkuppe zu fahren, ist bis heute legendär. Auch zahlreiche weitere Rennkategorien haben hier im Lauf der Jahre gastiert – die Geschichte dieses Ortes ist also weit größer als ein einzelnes Rennen, so groß dieses auch sein mag.
Alltag auf einer Rennstrecke
Was den Mount Panorama wirklich einzigartig macht: Er hört nie auf, eine Straße zu sein. Außerhalb der Rennveranstaltungen darf jedermann den Kurs befahren – in beide Richtungen –, solange er sich an Tempo 60 hält, was die örtliche Polizei mit geübter Gründlichkeit überwacht. Menschen wohnen an der Strecke, daneben wachsen Weinreben, und vom Gipfel blickt ein Hotel auf den Kurs hinab. Unten am Berg, gleich neben der Boxenanlage, erzählt das National Motor Racing Museum die Geschichte des australischen Motorsports – mit der Strecke selbst als Kulisse. Für angereiste Fans ist eine langsame Runde im Mietwagen eine Pilgerfahrt: Man spürt die Steigung der Mountain Straight, wie es kein Fernsehbild vermitteln kann, man sieht, wie schmal die Straße über die Kuppe tatsächlich ist, und man versteht endlich, warum Fahrer über diesen Ort mit einem Respekt sprechen, der an Ehrfurcht grenzt. Kaum eine andere Strecke der Welt lässt einen ihrem Wesen so nahekommen – und das völlig kostenlos.
Auf der Karte
Der Mount Panorama ist ein einzelner – wenn auch ganz besonderer – Punkt auf einem Planeten voller Motorsportstätten. Wenn dieser Deep Dive Lust auf mehr gemacht hat, öffnen Sie unsere interaktive Karte und suchen Sie die Strecke oberhalb von Bathurst selbst – und zoomen Sie dann hinaus, um die Tausenden anderen Rennstrecken, Speedways und Motorsportanlagen zu entdecken, die wir in Australien und dem Rest der Welt verzeichnet haben. Der Berg ist ein großartiger Ausgangspunkt für eine Reise; die Karte zeigt Ihnen, wohin sie als Nächstes führen kann.