Silverstone: Vom Bomberflugplatz zum Wohnzimmer der Formel 1
Es gibt Kurvenkombinationen, die Rennfahrer nüchtern abarbeiten, und es gibt solche, von denen sie noch Jahre nach der Karriere schwärmen. Die Passage Maggotts, Becketts und Chapel in Silverstone gehört unbestritten zur zweiten Sorte. Dass diese Richtungswechsel ausgerechnet auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflugplatzes liegen, auf dem im Zweiten Weltkrieg Bomberbesatzungen ausgebildet wurden, macht den Ort nur noch bemerkenswerter. Silverstone, an der Grenze zwischen Northamptonshire und Buckinghamshire gelegen, war 1950 Schauplatz des allerersten Laufs der Formel-1-Weltmeisterschaft und ist bis heute das Zuhause des britischen Motorsports.
Ein Kurvengeflecht als Visitenkarte
Wer verstehen will, warum Silverstone in Fahrerumfragen regelmäßig ganz oben landet, muss bei Maggotts und Becketts anfangen. Die Sequenz ist eine schnelle Abfolge von Links-rechts-Wechseln, die in die Chapel-Kurve übergeht und mit enormem Tempo angefahren wird. In einem modernen Formel-1-Auto wird hier kaum gebremst, allenfalls kurz vom Gas gegangen, und die Querbeschleunigung zählt zu den höchsten Werten, die ein Fahrer im gesamten Rennkalender erlebt.
Das Tückische an der Passage ist ihre Verkettung. Jeder Richtungswechsel baut auf dem vorherigen auf: Wer die erste Linkskurve zu optimistisch anfährt, schleppt den Fehler durch die gesamte Kombination und verliert am Ausgang von Chapel entscheidenden Schwung für die lange Hangar Straight, die unmittelbar folgt. Ingenieure schätzen den Abschnitt, weil er die aerodynamische Güte eines Autos schonungslos offenlegt. Fahrer vergleichen ihn gern mit den Esses von Suzuka oder Eau Rouge in Spa – und nicht wenige stellen ihn über beide.
Auch von der Tribüne aus ist die Passage ein Erlebnis für sich. Kaum irgendwo sonst lässt sich so unmittelbar beobachten, was ein modernes Rennauto leisten kann: Aus der Zuschauerperspektive wirken die Richtungswechsel beinahe unwirklich schnell, und der Unterschied zwischen einem guten und einem großartigen Auto ist hier mit bloßem Auge zu erkennen. Wer zum ersten Mal an diesem Streckenabschnitt steht, versteht binnen weniger Runden, warum Fahrer und Fans mit derselben Ehrfurcht davon sprechen.
Startbahnen, Hangars und ein Krieg
Die Vorgeschichte des Kurses beginnt weit weg vom Sport. Der Flugplatz RAF Silverstone wurde 1943 eröffnet, mitten im Luftkrieg, als in den englischen Midlands zahlreiche Militärflugplätze aus dem Boden gestampft wurden. Hier trainierten Besatzungen auf zweimotorigen Vickers-Wellington-Bombern, bevor sie zu Einsatzverbänden versetzt wurden. Die Anlage folgte dem üblichen Muster der Kriegsjahre: drei sich kreuzende Startbahnen in Dreiecksform, ein Rundweg entlang der Außengrenze des Geländes und verstreute Hangars und Werkstätten.
Nach Kriegsende hatte die Royal Air Force mehr Flugplätze, als sie brauchen konnte, und Silverstone wurde stillgelegt. Schafe weideten zwischen den Betonpisten, das Land kehrte zur Landwirtschaft zurück. Doch was für die Luftfahrt überflüssig geworden war, erwies sich für den Motorsport als Glücksfall: breite, ebene Flächen, lange Geraden und ein Außenring, der bereits wie eine Rennstrecke geformt war. In einem Land, das mit Brooklands seine große Vorkriegsarena verloren hatte, blieb ein solches Gelände nicht lange ungenutzt.
Dass ausgerechnet stillgelegte Militärflugplätze zur Keimzelle des britischen Nachkriegsmotorsports wurden, war übrigens weder Zufall noch Einzelfall: Auf der ganzen Insel entstanden nach 1945 Rennstrecken auf ehemaligen Airfields, weil sie günstig, verfügbar und bereits asphaltiert waren. Silverstone war schlicht das gelungenste Beispiel dieser Gattung – so gelungen, dass aus dem Provisorium eine Institution wurde, die bis heute Bestand hat.
Der erste WM-Lauf der Geschichte
Der Royal Automobile Club pachtete das Areal und richtete im Oktober 1948 den ersten britischen Grand Prix der Nachkriegszeit aus – auf einem improvisierten Layout, das neben dem Außenring auch Teile der Startbahnen nutzte und mit Strohballen abgesichert war. Luigi Villoresi gewann auf Maserati, und der gewaltige Zuschauerandrang bewies, wie ausgehungert das britische Publikum nach Rennsport war. Schon im Jahr darauf verlegte man die Strecke vollständig auf den Außenring, womit der schnelle, offene Charakter geboren war, der Silverstone bis heute prägt.
Der historische Höhepunkt folgte am 13. Mai 1950: Der Große Preis von Großbritannien eröffnete die neu geschaffene Fahrerweltmeisterschaft der FIA und war damit das erste Formel-1-WM-Rennen überhaupt. König Georg VI. verfolgte das Geschehen mit der königlichen Familie an der Strecke, während Alfa Romeo mit den kompressorbefeuerten 158ern nach Belieben dominierte. Giuseppe Farina siegte vor seinen Markenkollegen und wurde am Saisonende der erste Weltmeister der Geschichte. Die Formel 1, wie wir sie kennen, hat ihren Geburtsort also auf einem umfunktionierten Flugfeld.
Namen mit Vergangenheit
Die Kurvennamen von Silverstone wirken auf Neulinge wie ein zufälliges Sammelsurium, sind aber in Wahrheit eine Landkarte der Umgebung. Maggotts geht auf das angrenzende Maggot Moor zurück. Becketts und Chapel erinnern an eine mittelalterliche Kapelle, die dem heiligen Thomas Becket geweiht war. Stowe verweist auf die berühmte Privatschule südlich der Strecke, Abbey und Luffield auf die einstige Abtei Luffield Abbey, und Copse schlicht auf ein benachbartes Wäldchen.
Andere Namen erzählen die Geschichte der Anlage selbst. Die Hangar Straight verdankt ihren Namen den Flugzeughangars, die in der Militärzeit an dieser Geraden standen. Club ist eine Verbeugung vor dem Royal Automobile Club, der den Kurs einst betrieb, und Woodcote ehrt dessen Landsitz Woodcote Park. Nichts davon entstand am Reißbrett einer Marketingabteilung – die Namen wuchsen organisch, und gerade deshalb haben sie Bestand. Wer die Strecke wirklich kennt, kann eine komplette Runde allein mit diesen Begriffen erzählen.
Ein Kurs im ständigen Wandel
Silverstone war nie ein Museum. Über Jahrzehnte teilte sich der Kurs den britischen Grand Prix mit anderen Strecken, zunächst im Wechsel mit Aintree, später mit Brands Hatch, ehe er 1987 zur dauerhaften Heimat des Rennens wurde. Anfang der 1990er-Jahre folgte ein großer Umbau, der unter anderem die Abschnitte Vale und Complex hervorbrachte, und wie überall im Rennsport wurden Mitte der 1990er-Jahre weitere Änderungen im Zeichen der Sicherheit vorgenommen.
Die jüngste große Verwandlung kam 2010 mit dem neuen Arena-Abschnitt und 2011 mit der Eröffnung des markanten Boxen- und Paddock-Gebäudes Silverstone Wing, mit dem auch die Startlinie an ihre heutige Position zwischen Club und Abbey wanderte. Die aktuelle Grand-Prix-Variante misst knapp sechs Kilometer und zählt trotz aller Eingriffe weiterhin zu den schnellsten Strecken im Kalender. Ein Detail unterscheidet Silverstone dabei von vielen modernen Austragungsorten: Eigentümer ist der British Racing Drivers' Club, eine Vereinigung von Rennfahrern – die Strecke gehört also gewissermaßen den Menschen, die sie am besten verstehen.
Großbritanniens Motorsport-Wohnzimmer
Die Formel 1 mag das Aushängeschild sein, doch Silverstone arbeitet das ganze Jahr. Seit dem großen Umbau gastiert auch die MotoGP mit dem britischen Grand Prix auf dem Kurs, sodass Motorradfans ihre eigene Interpretation von Maggotts und Becketts erleben. Dazu kommen Langstreckenrennen, nationale Serien wie die britische Tourenwagenmeisterschaft und British GT, unzählige Clubrennen und Trackdays sowie das große historische Festival, das jeden Sommer ganze Felder klassischer Rennwagen auf das alte Flugfeld zurückholt.
Der britische Grand Prix selbst ist zu einem der bestbesuchten Formel-1-Wochenenden überhaupt geworden, mit Zeltplätzen rund um die umliegenden Dörfer und einem Publikum, das seine Lokalhelden bedingungslos feiert. Lewis Hamiltons beispiellose Serie von Heimsiegen hat den Renntag über Jahre in eine Art Volksfest verwandelt. Ganz gleich, für welche Ära des Motorsports man sich begeistert: Irgendein bedeutendes Kapitel davon wurde hier geschrieben.
Dazu kommt das launische englische Wetter, das an einem einzigen Rennwochenende von strahlendem Sonnenschein zu Platzregen wechseln kann und im Laufe der Jahrzehnte schon manches Rennen auf den Kopf gestellt hat. Für die Fans gehört genau diese Unberechenbarkeit zum Ritual: Gummistiefel und Sonnencreme im selben Gepäck sind in Silverstone keine Ironie, sondern gelebte Erfahrung – und Teil dessen, was ein Wochenende auf dem alten Flugfeld so unverwechselbar macht.
Auf der Karte
Silverstone ist nur ein Punkt in einer weltweiten Landschaft aus Rennstrecken, Ovalen und historischen Austragungsorten. Auf unserer interaktiven Karte lässt sich genau nachvollziehen, wo das alte Flugfeld an der Grafschaftsgrenze liegt – und von dort aus die gesamte Motorsportwelt erkunden. Ob Sie einen Roadtrip zu den Klassikern Europas planen oder einfach die nächstgelegene Strecke suchen: Der Startpunkt ist nur einen Klick entfernt.