← Zurück zum Blog

Die 10 besten Motorsport-Strecken in Deutschland

Kein Land hat die Formel-1-Geschichte der Turbojahre stärker geprägt als Deutschland: Niki Laudas Unfall auf dem alten Nürburgring 1976, Schumachers sieben Weltmeisterschaften, die Dominanz der Silberpfeile in den 1950er Jahren. Die deutschen Rennstrecken sind Palimpseste dieser Geschichte — auf denselben Asphaltbändern fährt heute das moderne Motorsportprogramm.

1. Nürburgring, Eifel

Die Anlage am Nürburgring umfasst zwei Kurse: die 20,832-km-Nordschleife und die 5,148-km-GP-Strecke. FIA-Grad 1 (GP-Kurs). Die GP-Strecke ist seit 1984 aktiv und war von 1985 bis 2013 regelmäßiger F1-Grand-Prix-Gastgeber; das Comeback 2020 unter dem Namen Eifel-GP war ein Pandemie-Notfall-Rennen. Das 24-Stunden-Rennen auf der Kombination aus GP-Strecke und Nordschleife (25,378 km) ist das größte GT-Rennen der Welt. ADAC GT Masters, DTM und internationale Motorrad-Events runden das Programm ab.

2. Hockenheimring, Baden-Württemberg

Der 4,574-km-Kurs in Hockenheim im Rheintal war bis 2019 ein jährlicher F1-Grand-Prix-Gastgeber und ist nach der Verkürzung 2002 (vom 6,8-km-Original auf das aktuelle Layout) ein technisch fordernder Kurs mit dem charakteristischen Motodrom-Stadionbereich. FIA-Grad 1. Das Motodrom — drei Kurven am Stückenende, umgeben von Tribünen — schafft eine Arena-Atmosphäre, die im F1-Kalender einzigartig ist. DTM, ADAC-Serien und Motorrad-Events sind die aktuellen Hauptprogramme. Die alte Waldstrecke, 6,8 km durch den Rheinwald, bleibt als historische Referenz im kollektiven Gedächtnis.

3. Sachsenring, Sachsen

Der 3,671-km-Kurs bei Hohenstein-Ernstthal in Sachsen ist der einzige noch aktive deutsche MotoGP-Schauplatz (Deutschlandgrand Prix, regelmäßig im Juli). FIA-Grad 1 für Motorrad. Die Strecke liegt in einer Häuserkulisse und hat einen eigenartigen, engen Charakter mit geringen Auslaufzonen. Die Tribünensektion an der Einlaufkurve (Turn 1/2) ist eine der vollsten im MotoGP-Kalender — 60.000 bis 70.000 Zuschauer an einem Sonntag.

4. Lausitzring / EuroSpeedway Lausitz, Brandenburg

Der EuroSpeedway Lausitz bei Klettwitz kombiniert einen 4,574-km-Road-Course mit einem D-förmigen 3,478-km-Oval und einem kurzen 2,25-km-Infield-Kurs. Heute hauptsächlich als DEKRA-Testzentrum genutzt und Gastgeber von DTM- und ADAC-Events. Der Oval-Teil war für NASCAR-Gastrennen zwischen 2000 und 2004 konzipiert, wurde aber nach geringer Fanresonanz nicht fortgesetzt.

5. Norisring, Nürnberg, Bayern

Der 2,300-km-Kurs durch die öffentlichen Straßen des Dutzendteich-Parks und am Nürnberger Stadion in Nürnberg ist der einzige verbliebene Stadtstreckenkurs für wichtige Serienrennen in Deutschland. DTM-Gastgeber. Die Grundig-Kurve und das Enge Eck sind die Stellen, an denen auf diesem technisch einfachen, aber atmosphärisch dichten Kurs die Rennen entschieden werden. Das Norisring-Wochenende im Juli ist ein Stadtfest.

6. Oschersleben, Sachsen-Anhalt

Der 3,696-km-Kurs in Oschersleben (offiziell: motorsport arena oschersleben) ist ein wichtiger FIA-Grad-2-Streckenplatz für nationale und internationale Serien — ADAC GT Masters, European Le Mans Series, Motorrad-Weltmeisterschaft. Der Kurs ist flach und technisch mit einem charakteristischen langen Gegengerade-Abschnitt.

7. Avus, Berlin (historisch)

Die Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße in Berlin-Grunewald war von 1921 bis 1998 Rennstrecke und von 1926 und 1959 zweimal F1-GP-Gastgeber (1959 als Teil der Weltmeisterschaft). Die steilsten Steilkurven Europas machten die Avus zeitweise zur schnellsten Strecke der Welt — 1937 wurden hier 380 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit gefahren. Die Steilkurve ist abgerissen; die zwei Geraden werden heute als Berliner Stadtautobahn genutzt.

8. Solitude, Stuttgart (historisch)

Der Solitude-Kurs südwestlich von Stuttgart auf öffentlichen Waldstraßen war von 1903 bis 1965 Rennstrecke und ein Pflichttermin im europäischen Motorsportkalender der Zwischenkriegszeit. Mehrere F2-Rennen in den 1950er und 60er Jahren. Die Solitude-Strecke existiert in Teilen noch als Forstweg; in Solitude-Revival-Events werden historische Fahrzeuge in enger Straßenbreite bewegt.

9. Bilster Berg Drive Resort, Ostwestfalen

Das 4,2-km-Layout im Teutoburger Wald ist eine moderne Privat-Rennstrecke (2013), konzipiert für exklusive Hersteller- und Kundenprogramme. Keine öffentlichen Großereignisse, aber zahlreiche Fahrzeugentwicklungs-Tests europäischer Hersteller.

10. ADAC Motorsport Arena, Kamp-Lintfort (Kartbahn)

Die Kartbahn Kamp-Lintfort im Ruhrgebiet ist Heimat zahlreicher ADAC-Kart-Meisterschaften und ein wichtiges Nachwuchszentrum des deutschen Motorsports. Das Ruhrgebiet hat historisch viele Fahrer durch die ADAC-Jugendförderung hervorgebracht.

Besuch eines deutschen Rennwochenendes

Das Nürburgring 24h im Mai ist das zugänglichste der großen deutschen Motorsport-Events. General-Admission-Tickets geben Zugang zur GP-Strecke und zu den Zuschauerpunkten an der Nordschleife. Das Camping im Infield (Müllenbachschleife, Brünnchen, Karussell) ist das dichteste Zuschauererlebnis im deutschen Motorsport; Generationen von Fans campieren hier, und die informelle Gemeinschaft rund um Fahrzeugparaden und Motorenlärm in der Nacht ist Teil des Events.

Der Sachsenring im Juli für den MotoGP-Deutschland-Grand-Prix hat eine spezifische Atmosphäre: eine der engsten Strecken im MotoGP-Kalender, eingebettet in die sächsische Industrielandschaft um Hohenstein-Ernstthal. Die Tribünen sind am Sonntag voll besetzt; der Sound auf den engen Streckenabschnitten kommt direkter als auf breiten Hochgeschwindigkeitskursen.

Hockenheim für DTM: Das Motodrom — die drei Kurven des Stadionbereichs umgeben von Tribünen — schafft eine Ovalatmosphäre, die in Europa einmalig ist. Tourenwagen-Rennen in diesem Amphitheater, mit dem kollektiven Geräusch von mehreren Turbo-Vierzylindern in einer Schikane, sind ein eigenständiges Klangerlebnis.

Deutsche Motorsportindustrie: Mehr als eine Kultur

Deutschland ist nicht nur Heimat von Rennstrecken — es ist Heimat der Motorsportindustrie. Porsche und BMW haben ihre Motorsportabteilungen in der Nähe von Nürburgring und München. Mercedes-AMG Motorsport ist in Affalterbach stationiert. Audi Sport hat sein Entwicklungszentrum in Neckarsulm. Die Konzentration von Ingenieuren, Teststrecken und Werkzeuglieferanten entlang der deutschen Autobahnachse A6 und A8 hat eine Motorsportindustrie geschaffen, die im Umfang mit dem britischen Motorsport Valley konkurriert.

Das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring ist dabei das Schaufenster für diese Ingenieurskultur: Hersteller schicken Entwicklungsfahrzeuge in das Rennen, nicht nur Rennautos. Reifen, Bremsen, Kühlsysteme — alles wird unter Rennbedingungen auf 25 km Kurs getestet, wie es kein Prüfstand replizieren kann.

BTG-Rekorde und Markenwettbewerb

Die Bridge-to-Gantry-Zeiten (gemessen von der Brücke über dem Startziel bis zum Brückengantrys am Ziel der Nordschleife) sind ein kulturelles Phänomen, das Deutschland von anderen Motorsport-Nationen trennt. Der Vergleich zwischen Serienautos auf der Nordschleife ist ein eigenständiger Wettbewerb, den Hersteller wie Porsche, BMW und Mercedes-AMG seit den 1980er Jahren nutzen. Die öffentliche Debatte über Validierung, Reifen-Zustand und Streckenbedingungen bei Rekordversuchen ist dabei ebenso lebhaft wie die Rekorde selbst. Deutsche Motorsportkultur ist Ingenieurskultur — aber auch Presseabteilungskultur.

Wohin zuerst?

Alle deutschen Rennstrecken sind auf der interaktiven Karte verzeichnet. Nürburgring ist von Köln und Bonn in einer Stunde erreichbar; Hockenheim liegt direkt an der A6 zwischen Heidelberg und Mannheim; der Sachsenring ist von Leipzig in 45 Minuten und von Dresden in einer Stunde erreichbar.