Circuit de Monaco: Durch den Tunnel, vorbei am Casino – das Kronjuwel der Formel 1
Es gibt Rennstrecken, die man baut, und es gibt eine, die man jedes Jahr aufs Neue errichtet. Wochenlang verwandelt sich Monte Carlo im Frühjahr: Randsteine werden verschraubt, Leitplanken wachsen entlang der Bürgersteige, Tribünen erheben sich über dem Hafenbecken. Am Ende steht eine Runde von rund 3,3 Kilometern — die kürzeste im gesamten Formel-1-Kalender — und zugleich die härteste Prüfung, die der Motorsport kennt. Der Circuit de Monaco ist weder die schnellste Strecke noch die sicherste, und zum Überholen taugt er kaum. Er ist schlicht das Rennen, das jeder Fahrer am dringendsten gewinnen will.
Älter als die Weltmeisterschaft selbst
Der Große Preis von Monaco ist deutlich älter als die Formel-1-Weltmeisterschaft. Das erste Rennen fand 1929 statt, ersonnen von Antony Noghès, einer treibenden Kraft im Automobile Club de Monaco, der dem winzigen Fürstentum einen festen Platz auf der sportlichen Weltkarte verschaffen wollte. Den Premierensieg holte William Grover-Williams auf einem Bugatti — und schon in dieser ersten Runde war der Charakter des Rennens besiegelt: Rennwagen, die sich zwischen Häuserfassaden, Hafen und Felswand über öffentliche Straßen zwängen, die nie für Geschwindigkeit gedacht waren.
Als 1950 die Formel-1-Weltmeisterschaft ins Leben gerufen wurde, gehörte Monaco bereits zur allerersten Saison, und ab Mitte der Fünfzigerjahre wurde das Rennen zur festen Institution. Das Bemerkenswerte daran: Ein Vorkriegsfahrer würde die heutige Streckenführung in ihren Grundzügen sofort wiedererkennen. Andernorts wurden Kurse begradigt, verlängert und entschärft; Monaco wurde nur an den Rändern verfeinert — vor allem am Hafen —, doch das Rückgrat der Runde folgt im Wesentlichen noch immer jener Route, die Noghès vor beinahe hundert Jahren absteckte. Die letzte Kurve trägt heute seinen Namen.
Bergauf: von Sainte Dévote zum Casino-Platz
Eine Runde in Monaco ist ein Drama in drei Akten. Sie beginnt mit dem kurzen Sprint am Hafen entlang zur Sainte Dévote, einer engen Rechtskurve, benannt nach der danebenliegenden Kapelle und der Schutzheiligen Monacos. Kaum ein Grand Prix vergeht, ohne dass es hier in der ersten Runde kracht: Ein breites Feld quetscht sich in einen schmalen Trichter, und am Ausgang wartet die Mauer.
Dann tut die Strecke etwas, das sich kein Streckenarchitekt am Reißbrett trauen würde: Sie klettert. Der Anstieg über Beau Rivage gehört zu den steilsten Passagen der Formel 1 — die Autos beschleunigen bergauf zwischen Wohnhäusern, tänzeln über die gewölbte Fahrbahnmitte. Oben wartet Massenet, eine lang gezogene Linkskurve, benannt nach dem Komponisten, dessen Statue in der Nähe steht: blind über eine Kuppe, während sich die Leitplanke am Ausgang unerbittlich nähert.
Und dann, völlig unvermittelt, das unwahrscheinlichste Bild des Motorsports: der Casino-Platz. Die Autos schießen auf den Vorplatz des Casino de Monte-Carlo, jenes Belle-Époque-Palastes, dessen berühmter Opernsaal von Charles Garnier entworfen wurde, dem Architekten der Pariser Oper. Grand-Prix-Boliden wenige Meter neben Marmorfassaden, Palmen und dem Hôtel de Paris — nirgendwo sonst prallen Geschwindigkeit und Prunk so direkt aufeinander.
Bergab zur langsamsten Kurve des Rennsports
Was hinaufführt, muss auch wieder hinunter, und die Abfahrt vom Casino-Platz ist noch heikler als der Anstieg. Die Straße fällt durch Mirabeau ab, eine bergab führende Rechtskurve mit welliger, geneigter Bremszone, die keinen Fehler verzeiht. Danach folgt die Kurve, die selbst Gelegenheitszuschauer kennen: die Grand-Hotel-Haarnadel. Jahrzehntelang hieß sie Loews-Haarnadel, davor Station-Haarnadel — sie ist die langsamste Kurve des gesamten Formel-1-Kalenders, so eng, dass die Teams eigens für Monaco eine geänderte Lenkgeometrie montieren, damit die Autos überhaupt herumkommen. Die Fahrer kurbeln vollen Lenkeinschlag hinein, im Schritttempo eines Rennwagens, direkt unter den Hotelbalkonen.
Weiter bergab geht es durch Portier, jene Rechtskurve, die das Feld zurück ans Meer schwenkt. Portier hat seine eigene düstere Berühmtheit: Hier setzte Ayrton Senna 1988 in souveräner Führung liegend seinen McLaren in die Leitplanke und ging zu Fuß in seine nahe gelegene Wohnung — einer der berühmtesten selbstverschuldeten Fehler der Sportgeschichte.
Der Tunnel: mit Vollgas vom Tageslicht ins Dunkel
Nach Portier taucht der Fahrer in jenes Bauwerk ein, das Monaco unter allen Grand-Prix-Schauplätzen einzigartig macht: den Tunnel. In einer Rechtskurve führt er unter dem Fairmont-Hotel hindurch und ist der einzige wirklich schnelle Abschnitt der Runde — nahezu voll durchfahren, während der Motorenklang von den Betonwänden hallt. Nirgendwo sonst in der Formel 1 wechseln die Fahrer bei Renntempo vom mediterranen Tageslicht in Kunstlicht und wieder zurück. Die Augen müssen sich in Sekundenbruchteilen anpassen; bei Regen wird es noch seltsamer, denn im Tunnel bleibt der Asphalt trocken, während Ein- und Ausfahrt triefen.
Am Ausgang werden die Autos zurück ins gleißende Licht katapultiert — und direkt in eine der härtesten Bremszonen der Runde, hinunter zur Nouvelle Chicane am Hafen. Historisch ist sie eine der ganz wenigen Stellen, an denen Überholen überhaupt denkbar ist. Wer nach dem Lichtwechsel den Bremspunkt nur leicht verfehlt, landet in der Notauslaufzone — oder in der Planke.
Tabac, Schwimmbad und der Weg zur Ziellinie
Der letzte Akt gehört dem Hafen. Tabac, eine schnelle Linkskurve, benannt nach einem Tabakladen, der einst daneben stand, leitet in die Schwimmbad-Passage über — jene Links-rechts-, Rechts-links-Kombination rund um das Nautikstadion Rainier III., die 1973 in die Runde eingefügt wurde. Es ist der jüngste Teil der Strecke und, wenn man den Fahrern glaubt, der berauschendste: blitzschnelle Richtungswechsel, auf der einen Seite das Wasser, auf der anderen Stahlplanken, die die Seitenkästen streifen. Präzision ist hier keine Tugend, sondern Überlebensbedingung.
Die Runde endet an der Rascasse, der engen Kurve, die sich um das gleichnamige Restaurant windet, und schließlich an der Anthony-Noghès-Kurve, benannt nach dem Gründer des Rennens, die die Autos zurück auf die Start-Ziel-Gerade feuert. Am Renntag achtundsiebzig Mal hintereinander, ohne eine Sekunde zum Durchatmen.
Die Meister von Monte Carlo
Monaco hat schon immer die Guten von den Großen getrennt. Graham Hill gewann hier in den Sechzigerjahren fünfmal und wurde als Mr. Monaco gefeiert; bis heute ist er der einzige Fahrer, der die Triple Crown aus Monaco-Grand-Prix, Indianapolis 500 und den 24 Stunden von Le Mans komplettiert hat. Michael Schumacher zog mit fünf Siegen gleich. Doch vor allem gehört diese Strecke Ayrton Senna: sechs Siege, fünf davon in Folge, dazu jene Qualifikationsrunde von 1988, mehr als eine Sekunde schneller als Teamkollege Alain Prost, die Senna selbst später in beinahe mystischen Worten beschrieb. Und seine Regenfahrt von 1984 im unterlegenen Toleman, nur durch den vorzeitigen Abbruch des Rennens gestoppt, machte sein Genie auf eben diesen Straßen weltbekannt.
Auch abseits der Statistiken pflegt Monaco seine Eigenheiten. Jahrzehntelang begann das Rennwochenende traditionell bereits am Donnerstag mit dem Training, während der Freitag frei blieb — ein Rhythmus, den es sonst nirgendwo im Kalender gab und der erst in jüngerer Vergangenheit an das übliche Format angeglichen wurde. Und weil die Runde so kurz und das Durchschnittstempo so niedrig ist, fällt die Renndistanz spürbar kürzer aus als bei anderen Grands Prix — eine Ausnahme, die man diesem Ort seit jeher zugesteht.
Die Strecke produziert Chaos ebenso zuverlässig wie Meisterschaft. 1955 landete Alberto Ascari spektakulär im Hafenbecken und wurde per Boot geborgen. 1996 gewann Olivier Panis sensationell ein Ausfallrennen, bei dem nur noch drei Autos die Zielflagge sahen. Nelson Piquet verglich das Fahren in Monaco einst mit Fahrradfahren im eigenen Wohnzimmer — und jedes Jahr im Mai schaut die Welt zu, wem es gelingt, ohne die Möbel zu berühren.
Auf der Karte
Monaco ist der Fixstern jeder Motorsportreise — aber eben nur ein Lichtpunkt in einem Netz aus Stadtkursen, permanenten Rennstrecken und historischen Schauplätzen in Europa und darüber hinaus. Auf unserer interaktiven Karte findest du den Circuit de Monaco am Hafen von Monte Carlo, kannst die Route von Sainte Dévote bis zum Tunnel nachverfolgen und anschließend herauszoomen, um Strecken mit verwandter DNA zu entdecken — von anderen Stadtkursen bis zu den großen alten Straßenkursen des Kontinents. Öffne die Karte, such das Fürstentum und plane deine eigene Runde.